Warum ist Korsika in zwei Departements geteilt?
Die spannende Geschichte zwischen Golo, Liamone und der „Collectivité Unique“
Auf einen Blick: Die Teilung Korsikas kurz erklärt
Wer auf Korsika unterwegs ist, stösst unweigerlich auf die Autokennzeichen 2A und 2B. Doch warum ist die „Insel der Schönheit“ eigentlich administrativ gespalten? Die Antwort liegt in einer Mischung aus Geografie und bewegter Geschichte. Schon die Genuesen teilten die Insel entlang des Hauptgebirgskamms (i Monti). Nach der Französischen Revolution schwankte Korsika mehrfach zwischen Einheit und Teilung. Die heutige Struktur entstand 1976 als Reaktion auf politische Spannungen und zur besseren regionalen Verwaltung. Obwohl es seit 2018 politisch die „Einheitskörperschaft“ (Collectivité de Corse) gibt, bleiben die zwei Departements als Symbole lokaler Identität und staatlicher Verwaltung bestehen.
Die tiefe Geschichte einer geteilten Insel: Ein detaillierter Rückblick
1. Naturgegebene Grenzen: Das Gebirge als Trenner
Lange bevor Bürokraten Karten zeichneten, zog die Natur eine unüberwindbare Grenze: Die zentrale Gebirgskette, die Korsika von Nordwesten nach Südosten durchzieht. Diese massive Barriere prägte die Entwicklung der Insel über Jahrtausende. Historisch unterschied man zwischen zwei Welten:
Cismonte („Diesseits der Berge“): Der Nordosten mit Bastia als Zentrum. Diese Region war durch den Seehandel eng mit Genua und der italienischen Halbinsel verbunden, was sich bis heute in Architektur und Dialekt widerspiegelt.
Pumonte („Jenseits der Berge“): Der Südwesten mit Ajaccio. Diese Seite war oft isolierter, geprägt von tiefen Tälern und einer eher eigenständigen, autonomen Lebensweise der Hirten und Bauern.
2. Das Erbe der Revolution und Napoleons Machtwort
Nachdem Korsika 1769 französisch wurde, begann die Suche nach der idealen Verwaltungsform.
1790: Nach der Französischen Revolution wurde Korsika zunächst als ein einziges Departement organisiert (Bastia war die Hauptstadt). Doch schon damals hielt man sich die Option offen, die Insel bei Bedarf zu teilen.
1793 bis 1811: Die erste offizielle Teilung erfolgte. Es entstanden die Departements Golo im Norden (benannt nach dem Fluss Golo) und Liamone im Süden (nach dem Fluss Liamone). Diese Aufteilung folgte fast exakt den alten genuesischen Provinzgrenzen.
Die Wende durch Napoleon: 1811 beendete Napoleon Bonaparte, der berühmteste Sohn der Insel, dieses Experiment. Er wollte seine Heimat geeint sehen – vor allem aber wollte er seine Geburtsstadt Ajaccio stärken. Er machte sie zur alleinigen Hauptstadt und degradierte das wirtschaftlich bedeutendere Bastia. Diese Einheitsstruktur blieb über 150 Jahre bestehen.
3. Das Schicksalsjahr 1975: Aléria und der Weg zur Neugründung
In den 1960er- und 70er-Jahren geriet das soziale Gefüge Korsikas ins Wanken. Nach der Unabhängigkeit Algeriens siedelte der französische Staat massiv Rückkehrer (Pieds-noirs) in der fruchtbaren Ostebene an. Die Bevorzugung dieser Neuankömmlinge bei Krediten und Landvergabe löste bei den einheimischen Weinbauern massiven Zorn aus.
Die Ereignisse gipfelten am 21. und 22. August 1975 in Aléria: Bewaffnete korsische Regionalisten besetzten unter Edmond Simeoni ein Weingut. Der französische Staat reagierte mit einer militärischen Übermacht von 2000 Mann und Panzern. Die blutige Bilanz (zwei tote Polizisten, ein schwer verletzter Aktivist) markierte die Geburtsstunde des militanten korsischen Nationalismus und der FLNC.
4. Die administrative Antwort: 2A und 2B
Um die erhitzten Gemüter zu beruhigen und die Verwaltung bürgernäher zu gestalten, beschloss Paris noch 1975 die erneute Teilung, die am 1. Januar 1976 in Kraft trat:
Das Namensrätsel: Warum heisst es „Oberkorsika“ (Haute-Corse) und nicht einfach „Nordkorsika“?
Topografie: Die höchsten Massive der Insel (wie der Monte Cinto mit 2706 m) liegen im Norden. Er ist also geografisch „höher“.
Soziale Diplomatie: Eine Bezeichnung als „Nord- und Südkorsika“ hätte im Französischen zur Paarung Haute-Corse und Basse-Corse führen können. Da das Wort „Basse“ (niedrig/unter) im Französischen oft mit Rückständigkeit oder geringerem Status assoziiert wird, wollte man dies den stolzen Südkorsen nicht zumuten. Man entschied sich für die Kombination aus Höhenangabe (Norden) und Himmelsrichtung (Süden).
5. Die Situation heute: Politische Einheit vs. administrative Vielfalt
Seit Jahrzehnten wird über den Status der Insel gestritten. Ein wichtiger Meilenstein war der 1. Januar 2018: Die bisherigen Departementsräte wurden abgeschafft und mit der Regionalverwaltung zur Collectivité de Corse (Einheitskörperschaft) verschmolzen.
Was bedeutet das für Reisende und Einwohner? Politisch und finanziell wird die Insel nun zentral von Ajaccio aus gesteuert. Doch für den französischen Staat existieren die beiden Departements als Verwaltungsbezirke weiterhin. Es gibt nach wie vor zwei Präfekten (einen in Ajaccio und einen in Bastia) sowie getrennte staatliche Behörden. Und natürlich bleiben die Kennzeichen 2A und 2B erhalten – sie sind längst zu einem wichtigen Teil der korsischen Identität geworden, den niemand missen möchte.





